1. Entstehung des Seebades Bansin
Die kleine Ostseegemeinde Bansin wurde erstmals urkundlich im 13. Jahrhundert erwähnt, doch ihre Bedeutung als Badeort entsteht erst im späten 19. Jahrhundert. Bis dahin war Bansin ein spärlich besiedeltes Gebiet, umgeben von Wald, Dünen und Meer. Die moderne Geschichte des Badeorts beginnt mit der planmäßigen Gründung des Seebades Bansin im Jahr 1897 – damals noch unabhängig und bewusst als Kur- und Badeort konzipiert.
Bansin war das jüngste der drei traditionsreichen sogenannten „Kaiserbäder“ auf Usedom (neben Ahlbeck und Heringsdorf). Der Name „Kaiserbäder“ stammt daher, dass sich hier im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auch Mitglieder der kaiserlichen Familie sowie das gehobene Bürgertum als Gäste aufhielten.
2. Die Bergstraße als Zentrum der Bäderarchitektur
Bereits in den ersten Jahren nach der Gründung 1897 wurde parallel zur Strandpromenade eine Straße angelegt, die heute als Bergstraße bekannt ist. Diese Straße wurde – wie der Ort selbst – von Beginn an für den Badebetrieb geplant und mit zahlreichen Villen und Pensionen im Stil der Bäderarchitektur bebaut.
Städtebaulicher Charakter
Die Gebäude in der Bergstraße sind in einer geschlossenen, stilistisch einheitlichen Zeile erhalten geblieben – ein Ensemble, das in dieser Geschlossenheit an der gesamten Ostseeküste selten ist. Charakteristisch ist die sogenannte „auf Lücke“-Bauweise: Die Häuser wurden mit kleinen Abständen gebaut, so dass auch in der zweiten Reihe Meerblick möglich war. Diese Orientierung an Aussicht, Licht und Komfort spiegelt die strategische Planung des Badeorts wider: Die Architekten und Bauherren wollten Gäste anziehen und ihnen Meerblick, Licht und frische Seeluft von allen Zimmern aus garantieren.
Architektonische Stilelemente
Die Villen der Bergstraße vereinen typischen Elemente der Bäderarchitektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, darunter:
- Dreiecksgiebel, Erker und Türmchen
- Veranden, Loggien und Balkone
- Historistische Formen mit Neorenaissance- und Jugendstileinflüssen
- Helle Fassaden, oft mit dekorativen Holz- oder Stuckelementen
Die Häuser wirkten weniger monumental als in Heringsdorf oder Ahlbeck, aber gerade diese harmonische Geschlossenheit macht den besonderen Charme der Bergstraße aus.
3. Bäderarchitektur und Badeleben
Die Bäderarchitektur war mehr als nur äußerliche Verzierung: Sie war Ausdruck einer neuen Gesellschaftskultur des Badeurlaubs. Das 19. Jahrhundert sah einen wachsenden Tourismus an Nord- und Ostsee, in dem Gesundheit, Gesellschaft und mondäner Aufenthalt zusammenflossen.
In Bansin führte dies zu mehreren Besonderheiten:
Freibadeerlaubnis
1923 erhielt Bansin als erstes deutsches Seebad die sogenannte Freibade-Erlaubnis. Badegäste durften fortan direkt in Badekleidung von der Promenade ins Meer gehen – ein Meilenstein in der Entwicklung der Badekultur, die zuvor durch Badekarren und strikte Geschlechtertrennung geprägt war.
Sozialer Treffpunkt
Die Villen und Pensionen entlang der Bergstraße beherbergten oft Sommergäste aus Berlin und anderen Großstädten, darunter sogar bekannte Persönlichkeiten aus Film und Kultur wie Heinz Rühmann, Willi Fritsch oder Marika Röck. Diese Gäste prägten das gesellschaftliche Leben der Kaiserbäder in der Zwischenkriegszeit.
4. 20. Jahrhundert: Wandel und Erhaltung
Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte Bansin, wie viele deutsche Ostseebäder, tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche:
- Erster Weltkrieg und Weimarer Zeit: Die Erlebnisse der Badegäste wurden durch wirtschaftliche Unsicherheiten geprägt, doch der Ort blieb eine beliebte Destination.
- Nach 1945/DDR-Zeit: Viele Villen wurden enteignet und in staatliche Nutzung überführt, oft als Ferienheime oder FDGB-Erholungsstätten.
- Nach der Wende: Die Gebäude der Bergstraße wurden vielfach restauriert und denkmalgeschützt, um ihren historischen Charakter zu bewahren und touristisch nutzbar zu machen.
Heute gilt die Bergstraße als eines der vollständigsten Ensembles historischer Bäderarchitektur an der deutschen Ostseeküste – mit Villen, die sorgfältig saniert und oft als Hotels, Ferienwohnungen oder private Residenzen genutzt werden. Die Bergstraße in Bansin ist weit mehr als nur eine Straße: Sie ist ein lebendiges Denkmal der deutschen Bäderarchitektur, ein Zeugnis gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und ein zentrales Element der Geschichte der Kaiserbäder auf Usedom. Noch heute lässt sich beim Spaziergang entlang der ehrwürdigen Villen die Atmosphäre vergangener Badekultur und Lebensfreude spüren – von der Gründerzeit über die Goldenen Zwanziger bis in die Gegenwart hinein.


